Wenn es zwischen uns still wird

Wie meine Gedanken stille Momente zwischen uns verändern

Ich sitze mit einem Menschen beim Essen. Wir kennen uns noch nicht lange, unsere gemeinsamen Zeiten haben noch keinen Alltagscharakter. Wir sprechen miteinander, sind einander zugewandt. Dann wird es still.

Für einen Moment ist das einfach eine Pause. Doch manchmal merke ich, wie es in mir leicht unruhig wird. Ist mein Gegenüber in Frieden mit sich und möchte einfach in Ruhe essen? Langweile ich mit meinen Worten? Ist da überhaupt Verbindung? Sollte ich etwas sagen? Es sind Fragen, auf die ich gerade keine Antwort habe. Und während zwischen uns keine Worte fallen, beginnt mein Denken, diese stillen Augenblicke mit möglichen Bedeutungen zu füllen.

Das beschäftigt mich. Denn ich liebe die Stille. In meinem Leben und in meiner Arbeit gebe ich ihr viel Raum. Weshalb empfinde ich sie zwischen zwei Menschen manchmal als wohltuend und manchmal als unangenehmes Schweigen?

In der aktuellen Folge unseres Podcasts «DenkSeiDank» sprechen Karin Landolt und ich über die verschiedenen Facetten des Schweigens. Über seine heilsame Qualität, über Pausen im Gespräch und darüber, wie belastend Schweigen in herausfordernden Beziehungen sein kann. Ein Aspekt hat mich danach weiter beschäftigt: Was geschieht in mir, wenn es zwischen uns still wird?

Wenn ich mich mit einer Kommunikation befasse, die ein kreatives, mitfühlendes und respektvolles Miteinander ermöglicht, komme ich an diesen stillen Augenblicken nicht vorbei. Worte brauchen Raum. Pausen helfen uns, das Gesagte aufzunehmen. Und sie geben uns Zeit, herauszufinden, was wir eigentlich sagen möchten. Wie viel Zeit wir dafür brauchen, ist unterschiedlich. Ich erlebe in meinem Alltag ganz verschiedene Sprechweisen, Tempi und Rhythmen. Auch bei mir selbst.

Wenn ich bewusst über ein Thema spreche und während des Sprechens weiterdenke, verlangsamt sich mein Tempo. Innerlich stelle ich mir Orientierungsfragen: Bei welchem Thema bin ich gerade? In welche Richtung möchte ich gehen? Stimmt das überhaupt, was ich eben gesagt habe? Welche Formulierung entspricht möglichst genau dem, was ich meine? Und wie kann ich es ausdrücken, damit mein Gegenüber mich möglichst gut versteht? Für diese Fragen brauche ich Pausen. Stille Augenblicke, in denen ich suchen, prüfen und meinem Gedanken weiter folgen kann.

Ich kann auch ganz anders sprechen. Dann sprudelt es aus mir heraus, schnell, unmittelbar und wenig zensiert. Das hat ebenfalls seine Qualität. Was mir dabei auffällt: Oft erzähle ich dann etwas, das ich bereits durchdacht habe. Ich schildere eine Erfahrung, fasse zusammen oder äussere eine Ansicht. Neue Gedanken entstehen bei mir häufiger dort, wo ich mir beim Sprechen Zeit lasse.

Deshalb sind die Pausen im Denkraum für mich so wesentlich. Wenn niemand unterbricht oder meinen Satz vervollständigt, kann ich weiterforschen. Ich kann mich fragen, ob das schon alles ist, was ich denke. Und ich kann warten, bis mich die Worte finden. So kann ich auch genauer ausdrücken, wer ich in diesem Augenblick bin, was mich bewegt und wohin mein Denken gerade geht.

Umso mehr wundere ich mich über meinen eigenen Impuls, manche stillen Momente möglichst rasch zu füllen. Weshalb dieses gefühlte Tempo? Weshalb dürfen in manchen Begegnungen kaum Lücken entstehen, obwohl ich ihren Wert so gut kenne?

In engen oder über Jahre gewachsenen Beziehungen fühle ich mich in längeren Wortpausen meist wohl. Ich muss ihre Bedeutung nicht erst herausfinden. Wir können gemeinsam schweigen, ohne dass ich unsere Verbindung infrage stelle. Manchmal empfinde ich diese Pausen als richtig wohltuende Inseln. Ich kann mich entspannen oder einem Gedanken folgen. Denn mein Denken geht ja auch leise weiter. Bis sich irgendwann wieder etwas hervordrängt, das ausgesprochen werden möchte.

Wenn ich diese vertrauten Momente mit der Situation beim Essen vergleiche, fällt mir etwas auf: Die Richtung meines Denkens verändert sich.

In einer vertrauten Begegnung kann ich über ein Thema nachdenken oder bei meinem eigenen Erleben bleiben. In einem stillen Moment, der mich verunsichert, beginne ich über mein Gegenüber nachzudenken. Über seine mögliche Motivation zu schweigen. Darüber, wie es mich erlebt und was zwischen uns gerade geschieht.

Meine Aufmerksamkeit ist damit beschäftigt, die Stille zu deuten.

Wann wird also Stille für mich zu unangenehmem Schweigen? Offenbar spielt dabei auch meine Vorstellung davon mit, wie ein Gespräch verlaufen sollte. Wie rasch eine Antwort kommen müsste. Woran ich Interesse und Verbindung erkenne. Die andere Person bringt ihren eigenen Rhythmus und ihre eigenen Vorstellungen mit. In unseren stillen Momenten begegnet sich auch das. Ich kann aus der Wortlosigkeit allein nicht wissen, was in meinem Gegenüber vorgeht. Und dennoch entstehen in mir Vermutungen, die sich bald ziemlich überzeugend anfühlen können.

Natürlich kann Schweigen auch Ausdruck von Distanz sein. Oder davon, dass jemand den Kontakt gerade verweigert. Das haben wir im Podcast ebenfalls angesprochen. Doch in den Situationen, die ich hier beschreibe, ist seine Bedeutung zunächst offen.

Das möchte ich weiter erforschen.
Wenn es zwischen uns still wird und mir langsam mulmig wird, möchte ich darauf achten: Wohin ist meine Aufmerksamkeit gerade gegangen? Was weiss ich tatsächlich über diesen Augenblick? Und was denke ich mir dazu?

Mich interessiert, was geschieht, wenn ich meine Fragen bemerke und die Bedeutung der Stille noch einen Moment offenlasse. Ob ich dann wieder mehr wahrnehmen kann: mein Gegenüber, mich selbst und das, was zwischen uns gerade da ist.

Auch dann, wenn wir beide nichts sagen.

Hier geht’s zur aktuellen Folge ‘DenkSeiDank’: Teil 2 zum Thema ‘Was ist schlimmer - streiten oder schweigen?’

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