Wann beginnt eigentlich ein Streit?

Wann habe ich das letzte Mal gestritten?

Diese Frage stellte mir Karin in unserer neuen Podcastfolge. Ich konnte sie nicht sofort beantworten. Nicht, weil es in meinem Leben keine Spannungen gäbe. Doch wann beginnt eigentlich ein Streit? Beginnt er mit dem ersten lauten Wort? Mit einem Vorwurf? Oder bereits vorher – in jenem Augenblick, in dem ich spüre, wie sich in mir etwas anspannt?

Vielleicht wird mein Atem flacher oder es breitet sich Hitze in meinem Körper aus. Etwas wird eng. Plötzlich höre ich nicht mehr nur, was mein Gegenüber sagt. Ich höre darin Kritik oder Ablehnung. Ich fühle mich nicht ernst genommen, in Frage gestellt oder mit meinen Worten abgetan. Und schon beginnt sich etwas in mir zu verteidigen.

Du nervst
Vor Kurzem verbrachte ich sieben Tage mit meinen fünf Geschwistern. Wir sind uns sehr nah, kennen uns seit bald einem ganzen Leben und wissen viel voneinander. Eine solche Nähe ist verbindend. Sie bringt aber auch alte Muster und Empfindlichkeiten erstaunlich zuverlässig zum Vorschein.

An einem Abend spielten wir zusammen Karten. Eine meiner Schwestern braucht beim Jassen viel Ruhe, damit sie sich konzentrieren kann. Mich begann ihre Art, uns zur Ruhe anzuhalten, zunehmend zu nerven. Irgendwann sagte ich zu ihr: «Du nervst.» Sie schaute mich an und antwortete: «Du nervst auch.»

Das war keine besonders achtsame Kommunikation. Ich hatte ihr nicht erklärt, was gerade in mir vorging. Ich hatte nicht von meiner Anspannung gesprochen und auch nicht davon, dass ich mich eingeengt fühlte. Und trotzdem geschah etwas Interessantes: Die Spannung war draussen. Meine Schwester hatte sich ebenfalls Luft verschafft. Wir diskutierten nicht weiter und spielten weiter. Etwas hatte sich gelockert.

War das bereits ein Streit? Oder hatten wir gerade verhindert, dass einer daraus wurde?

Der Augenblick davor
Mich interessiert dieser Moment, in dem eine Spannung zu einem Streit werden kann. Es ist ja selten nur das, was jemand sagt. Es ist auch das, was ich darin höre – geprägt von meinen bisherigen Erfahrungen mit ähnlichen Situationen und Beziehungen.

Vielleicht fühle ich mich kritisiert, nicht verstanden oder in Frage gestellt. Vielleicht trifft das Gesagte einen empfindlichen Punkt in mir. Oder ich habe den Eindruck, ich müsse mich verteidigen oder dafür kämpfen, mit meiner Sichtweise überhaupt vorzukommen. Bei mir persönlich ist es ganz oft das Gefühl der Einengung – körperlich wie geistig –, das in solchen Momenten ausschlaggebend ist. Dann verändert sich die Qualität des Gesprächs.

Mein Gegenüber ist nicht mehr einfach ein Mensch, der gerade etwas anders sieht oder sich anders verhält, als ich es mir wünsche. Für einen Moment wird er zu jemandem, gegen den ich mich behaupten muss. Die Aufmerksamkeit verengt sich. Ich höre weniger offen zu. Ich suche nach Worten, mit denen ich mich verteidigen kann. Vielleicht möchte ich zurückweisen, was gesagt wurde. Vielleicht möchte ich recht behalten. Oder ich ziehe mich zurück und sage gar nichts mehr. Die Energie ist da. Die Frage ist, was wir mit ihr tun.

Zwischen Hinunterschlucken und Explodieren
Wir können diese Energie hinunterschlucken. Wir können so tun, als sei nichts geschehen, obwohl es in uns weiterarbeitet. Und doch ist das Ungesagte meistens dennoch für ein Weilchen spürbar. Es legt sich auf die Atmosphäre zwischen uns.

Wir können die Energie auch ungefiltert beim anderen abladen. Dann haben unsere Worte das Potential zu verletzen. Wir greifen nicht mehr nur das Verhalten oder eine Aussage an, sondern den Menschen selbst. Beides scheint mir auf Dauer wenig hilfreich zu sein. Doch gibt es einen dritten Weg? Können wir unserer Anspannung Ausdruck geben, ohne den anderen damit in Frage zu stellen?

Im besten Fall gelingt es uns, für einen Moment innezuhalten und wahrzunehmen, was gerade geschieht: Ich werde eng. Ich fühle mich angegriffen. Ich bin wütend. Ich merke, dass ich im Moment kaum noch zuhören kann. Manchmal können wir das aussprechen. Manchmal müssen wir das Gespräch unterbrechen, bevor wir etwas sagen, das wir später bereuen. Und manchmal kommt eben nur ein wenig elegantes «Du nervst» heraus.

Ich möchte das nicht beschönigen. Meine Schwester hätte sich durch meine Worte auch verletzt fühlen können. Gleichzeitig war dieser kurze Austausch in unserer vertrauten Beziehung offenbar möglich. Wir wussten beide, dass damit nicht der ganze Mensch gemeint war. Es war eine Entladung, keine Verurteilung. Vielleicht war es eine kleine Unterbrechung in einem beginnenden Streit. Nicht besonders kunstvoll, aber wirksam genug, um weiter miteinander am Tisch sitzen zu können.

Und was blieb ungesagt?
Allerdings haben wir nicht darüber gesprochen, was uns wirklich beschäftigt hat. Ich habe meiner Schwester nicht gesagt, dass ich mich eingeengt fühlte. Sie hat mir nicht erklärt, was sie in diesem Moment brauchte. Wir haben die Spannung entladen, aber nicht unbedingt geklärt, was darunterlag.

Damit kommt auch das Schweigen ins Spiel.

Schweigen kann helfen, dass sich die aufgeladene Energie beruhigt. Nicht alles muss sofort besprochen und bis ins Letzte geklärt werden. Manchmal ist es gut, etwas stehen zu lassen und gemeinsam weiterzugehen. Schweigen kann aber auch bedeuten, dass etwas Wesentliches keinen Ausdruck findet. Dass wir zwar wieder funktionieren, innerlich jedoch etwas zurückbleibt. Woran erkennen wir den Unterschied?

Vielleicht daran, ob sich nach dem Schweigen wieder Weite einstellt. Ob wir uns dem anderen erneut zuwenden können. Oder ob das Ungesagte zwischen uns bleibt und die Beziehung allmählich belastet.

Noch ist nicht entschieden, was daraus wird
Ein Streit beginnt für mich nicht erst, wenn zwei Menschen laut werden. Er beginnt möglicherweise viel früher: in dem Augenblick, in dem ich mich bedroht, abgewertet oder nicht mehr gehört fühle und die Energie in mir zu steigen beginnt. Diese Energie ist nicht falsch. Sie zeigt mir, dass etwas für mich bedeutsam ist. Dass eine Grenze berührt wurde, ein Bedürfnis keinen Raum bekommt oder ich um meinen Platz im Gespräch fürchte. Doch noch ist nicht entschieden, was daraus wird.

Ich kann sie gegen den anderen richten. Ich kann sie gegen mich selbst richten und alles hinunterschlucken. Oder ich kann versuchen, sie wahrzunehmen und einen Ausdruck dafür zu finden, der mich selbst nicht übergeht und den anderen nicht verletzt.

Das gelingt nicht immer. Mir jedenfalls nicht.

Aber vielleicht liegt genau in diesem kurzen Augenblick – zwischen der aufsteigenden Hitze und meiner Reaktion – ein kleiner Raum. Ein Raum, in dem aus Spannung nicht zwangsläufig ein verletzender Streit werden muss.

Was geschieht in dir, kurz bevor ein Streit beginnt? Und woran merkst du, dass es Zeit wäre, innezuhalten?

Über diesen entscheidenden Augenblick – und darüber, ob Streiten manchmal sogar notwendig sein kann – spreche ich mit Karin in der neuen Folge 35 von «DenkSeiDank».

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