Über Ohnmacht, unsere eigenen Schubladen und die Frage, was wir im täglichen Miteinander bewegen können.
Manchmal frage ich mich, ob das reicht, was ich tue.
Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit Achtsamkeit, mit Zuhören und mit den Bedingungen, unter denen Menschen frei denken und fühlen können. Ich erlebe, wie sich Begegnungen verändern, wenn wir einander Zeit lassen. Wenn niemand sofort widerspricht oder schon weiss, was der andere tun sollte.
Und dann schaue ich auf das Weltgeschehen. Auf Machtkämpfe, Kriege und den Umgang von Menschen miteinander. Da spüre ich manchmal Ohnmacht. Kann das, wofür ich mich einsetze, angesichts dessen überhaupt etwas bewirken?
Mit dieser Frage bin ich in unser jüngstes Podcastgespräch gegangen.
Wenn Veränderung mich selbst etwas kostet
Im Gespräch mit Karin beschäftigt mich bald eine weitere Frage: Wie bereit bin ich eigentlich selbst, etwas zu verändern?
Ich meine damit zum Beispiel den Moment, in dem jemand eine Sichtweise äussert, die meiner eigenen grundlegend widerspricht. Kann ich dann noch zuhören? Interessiert mich, wie dieser Mensch zu seiner Überzeugung gekommen ist? Oder bin ich innerlich bereits dabei, meine Antwort vorzubereiten? Ich kenne nämlich auch den Impuls, mich zu rechtfertigen oder meine Sicht zu verteidigen. Und…. das Gegenüber einzuordnen.
Offen zu bleiben, kostet mich manchmal etwas: die Sicherheit, mich im vertrauten Denken zu bewegen. Manchmal auch den Mut, eine eigene Sorge auszusprechen, ohne zu wissen, wie sie aufgenommen wird.
Ein Mensch ist mehr als eine Meinung
Karin erzählt im Podcast von ihrem Ärger über Menschen, die mit laut aufheulenden Autos unterwegs sind. Und von einem Gedanken, der ihr hilft, bei aller Verärgerung offen zu bleiben: Vielleicht hat dieser Mensch ein viel grösseres Herz, als sie ahnt. Dieser Gedanke bleibt bei mir hängen.
Wie schnell wird aus einem Verhalten, das einem stört, ein Urteil über einen ganzen Menschen. Oder aus einer Meinung eine Schublade, in der für alles andere kein Platz mehr ist. Was wissen wir denn darüber hinaus von ihm oder ihr?
Ich möchte mich öfter daran erinnern, dass mir ein Mensch gegenübersitzt, von dem ich vieles noch gar nicht kenne. Vielleicht kann ich dann eine Frage stellen, wo ich sonst innerlich das Gespräch beendet hätte.
Es braucht Übung
Ich kann das nicht einfach beschliessen und von da an immer so handeln. Meine Gewohnheiten kommen mit an den Tisch. Deshalb braucht es für mich Räume, in denen ich üben kann: zuhören, ohne sofort dagegenzuhalten. Eine andere Sichtweise einen Moment stehen lassen. Wahrnehmen, was sie in mir auslöst.
Und auch aussprechen, was mich selbst beschäftigt. Sorgen verschwinden ja nicht, weil wir sie verschweigen. Vielleicht können wir gemeinsam weiterdenken, wenn sie ausgesprochen werden dürfen, ohne dass daraus gleich Schuldzuweisungen entstehen. Ob das reicht, um die Welt zu verändern, weiss ich nicht. Aber ich weiss, dass ich in einer Begegnung Einfluss habe. Darauf, ob ich jemanden vorschnell abschreibe. Ob ich zuhöre. Ob ich mich zeige. Dort kann ich etwas versuchen.
Wo fällt es dir schwer, neugierig auf einen Menschen zu bleiben?
In Folge 37 von DenkSeiDank sprechen Karin und ich über Ohnmacht, Unterschiedlichkeit und unsere Möglichkeiten im täglichen Miteinander.