Was hat eigenständiges Denken und Fühlen mit Sinnhaftigkeit zu tun?
Dieser Text ist entstanden, weil ich immer wieder höre: „Ich denke ohnehin schon zu viel.“ Wenn ich vom eigenständigen Denken spreche, meine ich jedoch etwas anderes. Genau darum geht es in diesem Beitrag.
Ich kann die Aussage über das viele Denken ehrlich gesagt nachvollziehen. Unser Denken läuft schliesslich ununterbrochen. Gedanken kommentieren, bewerten, vergleichen und wiederholen sich oft in erstaunlicher Regelmässigkeit. Doch darum geht es mir nicht.
Mich interessiert etwas anderes. Was geschieht, wenn wir beginnen, diesen inneren Bewegungen Aufmerksamkeit zu schenken? Dann wird manchmal sichtbar, dass nicht jeder Gedanke wahr ist. Dass manche Überzeugungen längst überholt sind. Dass wir manches aus Gewohnheit weiterdenken, obwohl es uns heute gar nicht mehr entspricht. Und genau hier beginnt für mich etwas Wertvolles: Die Möglichkeit, das eigene Leben bewusster auszurichten. Nicht nach dem, was andere für richtig halten. Nicht nach alten Überzeugungen. Sondern nach dem, was sich im gegenwärtigen Moment als wirklich stimmig zeigt.
Gedanken entstehen nicht im luftleeren Raum
Ich spreche viel über eigenständiges, unabhängiges und auch mutiges Denken. Was dabei nicht immer ausdrücklich im Zentrum steht, sind die damit verbundenen Gefühle und Bedürfnisse, die mit jedem Gedanken verbunden sind. Viele Prozesse laufen automatisch ab. Gedanken entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie stehen in Beziehung zu dem, was wir als bedeutsam erleben, zu unseren Erfahrungen, Hoffnungen, Ängsten und Bedürfnissen.
Deshalb genügt es aus meiner Sicht nicht, einfach nur festzustellen, dass wir denken. Entscheidend ist die Frage, ob wir bereit sind, unser Denken immer wieder zu erforschen oder auf deren (persönlichen) Wahrheitsgehalt zu überprüfen.
Wenn Gewohnheiten unser Denken bestimmen
Der Gedankenzunami läuft ohne unser Zutun ständig im Hintergrund mit. Wenn wir beginnen, ihm Aufmerksamkeit zu schenken, wird sichtbar, wie vieles davon automatisch geschieht. Wie oft sich dieselben Gedanken wiederholen. Wie wir von verschiedenen Seiten betrachten, beurteilen, bedauern oder hervorheben. Unser Denken folgt also häufig Gewohnheiten und Automatismen. Es orientiert sich am Bekannten und am Bewährten. Das ist verständlich und oft auch hilfreich.
Doch manchmal lohnt es sich, innezuhalten und sich zu fragen: Ist das, was ich denke, für mich heute noch wahr? Entspricht es noch meinem Leben? Oder bewege ich mich auf den Spuren alter Überzeugungen weiter, ohne sie je zu hinterfragen?
Die Bedeutung innerer Orientierung
Aus meiner Erfahrung fehlt im Alltag oft die Zeit für dieses Erforschen. Dabei hängt erstaunlich viel davon ab. Denn unser Denken beeinflusst unser Fühlen und Handeln. Es prägt die Entscheidungen, die wir treffen. Es formt unsere Beziehungen, unsere Arbeit und letztlich die Richtung unseres Lebens.
Wenn wir diesen inneren Bewegungen keine Aufmerksamkeit schenken, fehlt uns oft die Klarheit zu unterscheiden zwischen dem, was lediglich vertraut geworden ist, und dem, was für uns heute wirklich stimmig ist. Und nochmals: Das meiste Denken geschieht automatisch. Nur weil wir irgendwann eine Überzeugung entwickelt haben, bedeutet das nicht, dass sie unser gesamtes weiteres Leben bestimmen muss.
Menschen verändern sich. Lebenssituationen verändern sich. Die Welt verändert sich.
Deshalb erscheint es mir genauso sinnvoll, die eigenen Annahmen immer wieder zu überprüfen, wie es Unternehmen regelmässig mit ihren Strategien tun.
Vertrauen in das Eigene entwickeln
Dabei geht es nicht darum, das eigene Denken um jeden Preis in den Mittelpunkt zu stellen. Im Gegenteil. Aus meiner Sicht geschieht etwas anderes:
Es wächst das Vertrauen in das Eigene und Unabhängige. Es wird klarer, ob ich auf einem für mich stimmigen privaten oder beruflichen Weg bin. Es kann Entschlusskraft freisetzen. Es kann Energie freisetzen. Es kann Mut freisetzen, für das einzustehen, was mir wirklich wichtig ist.
Die Verbindung zwischen Sein und Tun
Wenn ich also über Denken und Fühlen spreche, dann meine ich nicht Selbstoptimierung. Ich meine die Grundlage für sinnhaftes Sein und Tun. Diese Verbindung zwischen Sein und Tun zu erforschen – und immer wieder zu spüren, ob sie lebendig, stimmig und wahr wirkt – ist für mich das Eigentliche. Genau dort beginnen Denkpartnerschaften oft ihre besondere Wirkung zu entfalten.
Denn plötzlich entsteht Raum. Raum für Gedanken, die noch nicht fertig sind. Raum für Gefühle, die bisher übergangen wurden. Raum für eine innere Orientierung, die nicht von aussen vorgegeben wird. Und vielleicht führt all das letztlich zu derselben Frage, die Mary Oliver am Ende ihres Gedichts stellt:
Tell me, what is it you plan to do with your one wild and precious life?