Wenn Wahrheit an Gewicht verliert – was macht das mit uns?

Wenn die gemeinsame Wirklichkeit brüchig wird
In den letzten Wochen habe ich mich gemeinsam mit Karin Landolt in unserem Podcast DenkSeiDank mit dem Thema Lügen, Flunkern und Wahrhaftigkeit beschäftigt. Dabei ging es zunächst um die kleinen und grossen Unwahrheiten des Alltags. Um das Beschönigen, das Übertreiben, das Verschweigen. Um die Frage, wo eine Notlüge beginnt und wo sie endet.

Doch je länger wir darüber sprachen, desto mehr beschäftigte mich eine andere Frage:
Was geschieht eigentlich mit uns, wenn wir den Eindruck haben, dass Wahrheit an Gewicht verliert? Ich merke, dass mich diese Entwicklung verunsichert.

Wenn Menschen offensichtliche Unwahrheiten verbreiten und damit Erfolg haben. Oder wenn Unternehmen ein Bild von sich zeichnen, das mit der Realität nur teilweise übereinstimmt. Und auch in den sozialen Medien kaum mehr erkennbar ist, was echt und was künstlich erzeugt ist. Dann frage ich mich manchmal: Worauf kann ich mich eigentlich noch verlassen? Vielleicht kennst du dieses Gefühl auch.

Es ist nicht nur ein Zweifel an Informationen. Es ist ein Zweifel, der tiefer geht. Denn Vertrauen ist etwas sehr Grundlegendes. Da ist dieses Vertrauen darauf, dass Worte etwas bedeuten, dass Menschen meinen, was sie sagen. Also ein Vertrauen, dass wir uns in einer gemeinsamen Wirklichkeit bewegen.

Mein erster Impuls: Rückzug
Wenn dieses Vertrauen Risse bekommt, dann beobachte ich etwas Spannendes: Viele Menschen werden lauter; ich werde eher stiller. Wenn ich das Gefühl habe, keinen Einfluss zu haben, entsteht in mir manchmal der Impuls, mich zurückzuziehen. Dann kümmere ich mich um das, was direkt vor meiner Haustür liegt: Um meine Familie, meine Freundschaften und um die Menschen, mit denen ich tatsächlich in Beziehung bin.

Ich betrachte diesen Rückzug eher kritisch und komme doch zur Einschätzung, dass Rückzug manchmal notwendig und auch gesund ist. Wenn wir ständig gegen Entwicklungen ankämpfen, die wir nicht beeinflussen können, erschöpfen wir uns. Manche Menschen verlieren darüber ihre Kraft. Manche ihre Hoffnung. Manche sogar ihre Gesundheit.

Die Frage nach der eigenen Wirksamkeit
Doch Rückzug allein genügt nicht. Denn wenn wir uns vollständig aus dem gesellschaftlichen Miteinander verabschieden, überlassen wir die Gestaltung anderen. Dann entsteht genau das, worüber wir uns beklagen. Ich frage mich also: Wo beginnt mein Einfluss?

Nicht der Einfluss auf die Weltpolitik.
Nicht auf internationale Konzerne.
Nicht auf die grossen Schlagzeilen.

Sondern dort, wo ich tatsächlich wirksam bin.

In meinen Gesprächen.
In meiner Art zuzuhören.
In der Art, wie ich mit Menschen umgehe.
In meiner Bereitschaft, ehrlich zu sein, auch wenn es unbequem wird.

Das Labor des Alltags
Ich bin davon überzeugt, dass die Kultur in Gemeinschaften nicht in den grossen Systemen beginnt. Sie beginnt in den unzähligen kleinen Begegnungen zwischen Menschen. Dort, wo wir uns entscheiden, genauer hinzuhören. Dort, wo wir Gerüchte nicht weitertragen. Dort, wo wir den Mut haben zu sagen: «Ich weiss es nicht. Dort, wo wir uns nicht grösser machen müssen, als wir sind. Dort, wo wir Wahrhaftigkeit über Selbstdarstellung stellen.

Für mich sind Gespräche ein solches Labor des Alltags. Hier üben wir, wie wir miteinander leben wollen. Hier zeigt sich, ob wir bereit sind, Unterschiede auszuhalten. Ob wir nur reagieren oder wirklich zuhören. Ob wir Recht haben wollen oder verstehen möchten.

Was Zuhören mit Vertrauen zu tun hat
In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder etwas Erstaunliches und sehr Berührendes: Sobald Menschen die Erfahrung machen, wirklich gehört zu werden, verändert sich etwas. Sie werden ehrlicher, differenzierter, weniger defensiv, auch mit vorher fremden Menschen. Nicht weil sie müssen. Sondern weil Vertrauen entsteht.

Dies ist einer der Gründe, weshalb mir die Qualität unserer Gespräche so wichtig ist. Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass wir von anderen Offenheit oder Ehrlichkeit erwarten. Vertrauen entsteht, wenn Menschen erleben, dass sie mit dem, was sie denken, fühlen oder noch nicht wissen, willkommen sind. Es entsteht dort, wo niemand sofort widerspricht. Wo nicht bewertet wird. Wo Unterschiede bestehen dürfen und wo Zuhören wichtiger wird als Rechthaben.

Eine leise Form von Hoffnung
Vielleicht ist Vertrauen deshalb nicht einfach etwas, das wir haben oder verlieren. Ich sehe es eher als etwas, das wir täglich miteinander erschaffen. Gerade in Zeiten, in denen Wahrheit an Gewicht zu verlieren scheint. Ich sehe genau darin unsere Verantwortung. Nicht die Welt allein retten zu müssen. Aber unseren Teil dazu beizutragen, dass Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und echtes Zuhören ihren Platz behalten.

In unseren Familien.
In unseren Freundschaften.
In unseren Teams.
Und in unseren Gesprächen.

Denn dort beginnt jede Kultur. Und vielleicht ist das meine leise Form von Hoffnung: Dass wir die grossen Entwicklungen nicht alleine steuern können. Dass wir aber sehr wohl mitgestalten können, wie Menschen einander begegnen.

Wahrhaftigkeit beginnt selten auf der grossen Bühne. Sie beginnt in einem einzigen Gespräch.


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Die eigentliche Kraft liegt zwischen den Gedanken