Innere Ausrichtung oder Manifestieren
Über Absicht, Offenheit und die Kunst, sich überraschen zu lassen
Das Leben verändert sich. Und ich verändere mich mit ihm. Was mir heute wichtig ist, kann morgen an Bedeutung verlieren. Was ich mir wünsche,
kann sich unterwegs verschieben. Deshalb bin ich vorsichtig geworden mit inneren Bildern davon, wie etwas werden soll.
Wenn ich von innerer Ausrichtung spreche, meine ich keine Methode, sondern eine Haltung, die mit dieser Unvorhersehbarkeit rechnet.
In diesem Zusammenhang bin ich dem Begriff Manifestieren begegnet und habe mich gefragt, was verloren geht, wenn Ausrichtung zu Ergebnisproduktion wird.
Eine Irritation aus dem Gespräch
Diese Irritation ist nicht neu. Sie ist mir im Gespräch mit Karin Landolt noch einmal deutlicher geworden –als wir über Vorsätze gesprochen haben, über Verlieren, über Innehalten. Nicht darüber, was sich verändern soll. Sondern darüber, wie wir mit dem umgehen, was gerade da ist.
Vielleicht liegt genau dort ein anderer Zugang. Einer, der weniger mit Manifestieren zu tun hat und mehr mit dem, was ich innere Ausrichtung nennen möchte.
Wenn Vorstellung zur Kontrolle wird
Problematisch wird Manifestieren für mich dort, wo Vorstellung unmerklich in Kontrolle kippt. Wo ein inneres Bild beginnt festzulegen, was passieren soll – und alles andere wie ein Abweichen wirkt. Ich erlebe das wie ein inneres Drehbuch. Eines, das vorgibt, wie Entwicklung auszusehen hat. Was richtig wäre. Und was nicht. Das Leben aber hält sich selten an solche Drehbücher. Und Entwicklung schon gar nicht.
Denn während wir auf etwas zugehen, verändern wir uns. Unsere Bedürfnisse verschieben sich. Unsere Einsichten wachsen. Und auch die äusseren Umstände bleiben selten stabil.
Ein zu festes inneres Bild berücksichtigt diese Gesetzmässigkeit des Lebens kaum. Es rechnet nicht damit, dass das, was heute stimmig erscheint, morgen eine andere Form braucht. Oder dass das, was wir uns wünschen, unterwegs eine ganz andere Bedeutung bekommt.
Wenn ich an einem inneren Drehbuch festhalte, gerate ich leicht in Spannung mit dem, was ist. Dann kann Druck entstehen. Manchmal sogar Schuld: Vielleicht habe ich es nicht klar genug visualisiert. Oder Enttäuschung: So habe ich mir das nicht vorgestellt.
Innere Ausrichtung statt festgelegtes Ergebnis
Wenn ich von innerer Ausrichtung spreche, meine ich etwas anderes. Innere Ausrichtung heisst für mich nicht, auf ein konkretes Ergebnis zu fixieren. Sondern mich innerlich auf Qualitäten auszurichten. Nicht: Was soll herauskommen? Sondern: Wie möchte ich unterwegs sein ? Gelassener vielleicht. Wacher. Verbunden. Wahrhaftiger.
Innere Ausrichtung lässt den Weg offen. Und rechnet damit, dass ich mich unterwegs verändere. Dass sich meine Perspektive verschiebt. Und dass mir das Leben Dinge zeigt, die ich mir so nicht vorgestellt hätte.
Ein kleines Beispiel aus meinem Alltag
Wenn ich mir vornehme, beim Spielen eine bessere Verliererin zu werden, dann klingt das zunächst nach einem Ergebnis. Und ja – da ist eine Absicht. Eine Richtung. Doch im Moment des Spiels entscheidet sich etwas anderes. Nicht, ob ich mich freue. Sondern wie ich mit dem umgehe, was gerade da ist.
Die Enttäuschung.
Die Spannung.
Vielleicht auch der Ärger.
Ausrichtung zeigt sich für mich dann nicht daran, dass plötzlich das gewünschte Gefühl entsteht. Sondern daran, dass ich innehalte. Dass ich mehr wahrnehme. Dass ich nicht automatisch reagiere. Vielleicht freue ich mich noch nicht wirklich für die andere Person. Aber ich antworte - so hoffe ich- auch nicht verärgert. Und das verändert etwas – in mir und zwischen uns.
Offen bleiben für das, was gerade dran ist
Ausrichten berücksichtigt für mich, dass ich mich unterwegs verändere. Und dass sich auch die Umstände verändern. Denn, was mir heute hilft, kann morgen vielleicht nicht mehr passen. Was ich mir wünsche, kann sich unterwegs wandeln. Und inneres Ausrichten heisst, mit dieser Beweglichkeit zu rechnen. Und ihr Raum zu geben.
Vielleicht kommt dann nicht das, was ich mir ursprünglich vorgestellt habe. Aber oft etwas, das mich wirklich weiterbringt.
Eine andere Form von Absicht
Innere Ausrichtung ist für mich nicht passiv. Sie ist absichtsvoll – aber nicht festlegend. Sie bedeutet, eine Richtung zu kennen, ohne den Weg festzuschreiben. Sie verbindet Klarheit mit Offenheit. Und Absicht mit Beziehung.
Vielleicht liegt genau darin eine Haltung, die uns erlaubt, unterwegs zu bleiben, wach für das, was sich zeigt, und offen für das, was sich entwickeln will. Eine andere Form von Absicht.
Dieser Text ist aus einem Gespräch mit Karin Landolt entstanden – und reiht sich in weitere Denkbewegungen rund um Kommunikation, Aufmerksamkeit und innere Haltung ein.
DenkSeiDank
Ein Podcast von Béatrice Heller & Karin Landolt
Gespräche, die nicht erklären – sondern Denken ermöglichen.