Wenn du anders denkst als ich
Andere Meinungen aushalten – und im Gespräch bleiben
Ich halte mich für einen Menschen, der offen ist für andere Sichtweisen. Und trotzdem kenne ich diesen Moment gut: Jemand sagt etwas, das so gar nicht zu dem passt, was ich denke, glaube oder für richtig halte – und in mir geschieht etwas. Ich werde unruhig. Ich möchte widersprechen. Vielleicht beginnt es schon in mir zu argumentieren, während mein Gegenüber noch spricht. Manchmal ist da sogar etwas, das sich wie Bedrohung anfühlt.
Das finde ich bemerkenswert. Denn eigentlich ist ja nichts geschehen. Ein anderer Mensch denkt anders als ich. Und doch kann genau das etwas in mir ins Wanken bringen. In unserer neuen Podcastfolge von DenkSeiDank sind Karin und ich bei diesem Thema gelandet. Ausgangspunkt war das Querdenken – ein Wort, das spätestens seit der Coronazeit eine ganz bestimmte Färbung bekommen hat.
Dabei bedeutet quer zu denken zunächst einmal etwas sehr Wertvolles: die vertrauten Gedankenbahnen zu verlassen. Eine Sache aus einer anderen Richtung zu betrachten. Möglichkeiten einzubeziehen, die bisher nicht auf dem Tisch lagen. Wir brauchen solche Gedanken. Und gleichzeitig können sie ganz schön unbequem sein.
Wenn eine andere Meinung mir zu nahe kommt
Wir bewegen uns alle in vertrauten Denkbahnen. Wir haben Erfahrungen gemacht, Werte entwickelt, Überzeugungen gewonnen. Daraus ist über die Jahre eine Sicht auf die Welt entstanden, die für uns Sinn ergibt. Und dann kommt jemand und sieht dieselbe Sache völlig anders.
Ich merke bei mir, dass das nicht immer leicht auszuhalten ist. Vor allem dann nicht, wenn mir ein Thema wichtig ist. Eine andere Meinung kann mich verunsichern. Für einen kurzen Moment taucht möglicherweise die Frage auf: Sehe ich etwas nicht? Liege ich vielleicht falsch? Oder ich gehe sofort in die andere Richtung und denke: Wie kann man das nur so sehen? Beides kenne ich. Und genau an diesem Punkt entscheidet sich für mich viel darüber, welche Qualität ein Gespräch bekommt.
In unserem Podcastgespräch bringt Karin als Journalistin immer wieder auch die politische und gesellschaftliche Ebene ein. Mein eigener Blick richtet sich zunächst stärker auf das, was zwischen zwei Menschen geschieht. Und vielleicht beginnt genau dort auch das Grössere. Eine Demokratie lebt davon, dass unterschiedliche Sichtweisen ausgesprochen und ausgehalten werden können. Aber wer ist es, der diese Unterschiede aushalten muss? Wir Menschen. Du und ich. In unseren Gesprächen, Familien, Freundschaften und Arbeitsbeziehungen.
Die grosse Frage der Meinungsvielfalt wird damit plötzlich sehr persönlich: Was geschieht in mir, wenn du etwas sagst, das meinem eigenen Denken wirklich widerspricht?
Höre ich noch zu – oder verteidige ich mich schon?
Im Podcast habe ich von einem Gespräch mit einem mir nahestehenden Menschen erzählt. Wir waren in einer Sache wirklich unterschiedlicher Meinung. Nicht nur ein bisschen. Wir hatten andere Sichtweisen, andere Gefühle und ein anderes Verständnis derselben Situation. Wir beschlossen, einander zu erklären, was uns bewegte. Und wir vereinbarten etwas sehr Einfaches: Wir würden einander nicht unterbrechen.
Ich erinnere mich noch gut an meine innere Entscheidung während dieses Gesprächs. Ich wollte seinen Worten wirklich zuhören. Nicht schon währenddessen überlegen, was ich dagegenhalten könnte. Nicht einzelne Aussagen herausgreifen und innerlich widerlegen. Nicht zurückschiessen. Einfach erst einmal hören. Das Spannende war: Unsere Meinungen näherten sich dadurch nicht plötzlich an. Etwas anderes geschah. Die Atmosphäre zwischen uns veränderte sich. Ich konnte seine Worte in mir landen lassen. Ich begann besser zu verstehen, woher seine Sichtweise kam. Und gleichzeitig musste ich sie nicht übernehmen. Wir blieben verschieden – und fühlten uns trotzdem verbunden.
Verstehen heisst nicht einverstanden sein
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Erfahrungen, die ich mit Zuhören immer wieder mache. Ich kann versuchen, einen Menschen zu verstehen, ohne seiner Meinung zuzustimmen. Ich kann mich dafür interessieren, welche Erfahrungen ihn geprägt haben. Was ihm wichtig ist. Welche Werte, Ängste, Bedürfnisse oder Hoffnungen hinter dem stehen, was er sagt. Und ich kann danach immer noch sagen: Ich sehe das anders.
Das eine schliesst das andere nicht aus. Im Gegenteil. Ich habe den Eindruck, dass ich meine eigene Sichtweise sogar klarer vertreten kann, wenn ich nicht gleichzeitig damit beschäftigt bin, die andere abzuwehren.
Sehe ich eine Meinung – oder einen Menschen?
Über diese Frage haben wir schon einmal eine ganze Podcastfolge gemacht. Sie beschäftigt mich noch immer und ich möchte diese Frage nicht aus den Augen verlieren - mich immer wieder an sie erinnernt. Denn wie schnell reduzieren wir einen Menschen auf eine einzelne Aussage. Plötzlich sitzt mir nicht mehr Karin, mein Freund, meine Schwester, mein Arbeitskollege oder meine Nachbarin gegenüber. Da sitzt „diejenige, die so etwas denkt“. Der Mensch verschwindet hinter seiner Meinung.
Wenn es mir gelingt, wirklich zuzuhören, kann etwas anderes geschehen. Ich sehe wieder den Menschen. Einen Menschen mit einer Biografie, mit Erfahrungen, Widersprüchen, Verletzlichkeiten und Überzeugungen – genauso wie ich selbst. Das bedeutet nicht, alles gutzuheissen. Es bedeutet, die Beziehung nicht an der Grenze meiner eigenen Meinung enden zu lassen.
Andere Meinungen aushalten heisst nicht, alles stehen zu lassen
Natürlich hat Offenheit Grenzen. Zuhören bedeutet für mich nicht, dass jede Äusserung unwidersprochen bleiben muss. Wir dürfen widersprechen. Wir dürfen Position beziehen. Wir dürfen sagen, was uns wichtig ist. Entscheidend ist für mich zunehmend, wie wir das tun.
Kann ich von mir sprechen, von meinen Erfahrungen, meinen Gefühlen und meinen Überzeugungen, ohne den anderen Menschen abzuwerten Kann ich sagen: Das macht mir Angst, statt: Du bist das Problem? Kann ich deutlich widersprechen und trotzdem neugierig bleiben? Das ist anspruchsvoll. Und vermutlich gelingt es kaum jemandem immer.
Querdenken braucht einen Raum, in dem es gehört werden kann
Vielleicht liegt genau darin der Wert des Querdenkens. Nicht darin, grundsätzlich gegen etwas zu sein. Und auch nicht darin, möglichst provokante Positionen einzunehmen. Sondern darin, dass Gedanken auftauchen dürfen, die nicht in unsere gewohnten Bahnen passen. Wenn wir nur noch mit Menschen sprechen, deren Sichtweisen wir ohnehin teilen, wird unser Denken eng. Wir bestätigen einander in dem, was wir schon wissen.
Neues Denken braucht Unterschiedlichkeit. Aber Unterschiedlichkeit allein genügt nicht. Sie braucht einen Raum, in dem wir einander zuhören können, ohne sofort zu reagieren, zu bewerten oder überzeugen zu wollen. Einen Raum, in dem ein Gedanke erst einmal ausgesprochen werden darf. Vielleicht verändert er meine Meinung. Vielleicht auch nicht. Aber möglicherweise sehe ich danach etwas, das ich vorher nicht sehen konnte. Und manchmal ist das schon sehr viel.